Deutschlandfunk - Musikjournal

28. September 2006


Christoph Eschenbach über die Arbeit als Orchester-Leiter


Von Christoph Vratz

Seit den Anschlägen vom 11. September geht es den amerikanischen Fluggesellschaften schlecht. Zumindest nicht gut genug, um in gleichem Umfang die Konzerttourneen der großen US-Orchester nach Europa zu sponsern. Die Auftritte der Klangkörper aus New York, Boston oder Cleveland sind seltener geworden. Nun aber ist es dem Philadelphia Orchestra gelungen, eine solche Tournee auf die Beine zu stellen. Es gastiert u.a. in Frankfurt, Essen, Bonn und Berlin. Chefdirigent ist Christoph Eschenbach. Seit er im Jahr 2003 das Orchester übernommen hat, hat es sich auch personell verändert. Für Aufsehen sorgte beispielsweise die Berufung einer gerade 20-Jährigen als Tubistin. Was heißt es eigentlich, Orchestermitglieder neu integrieren? Welche Aufgaben stellen sich für einen Chef-Dirigenten? Christoph Vratz hat sich darüber mit Christoph Eschenbach unterhalten.


Christoph Eschenbach: "Was ich immer anstrebe mit Orchestern ist, dass jeder auf den Anderen hören soll, ob das nun der zweite Geiger am letzten Pult ist, der den dritten Kontrabass hören soll oder die Piccoloflöte die Tuba. Jeder muss auf sich hören - und dann wird der Klang luzide."

Um mit seinen Orchestern eine größtmögliche Transparenz zu erzielen, setzt Christoph Eschenbach nicht zuletzt auf eine gemischte Altersstruktur. Junge Musiker sind ihm wichtig. Aber: Sie müssen sich auch in die Gemeinschaft einfügen. Daher beginnt die Verantwortungspflicht eines Dirigenten bereits beim ersten Bewerbungs-Vorspiel. Eine richtige Spürnase dafür zu haben, wo es passen könnte und wo nicht, ist für Eschenbach auch eine Frage der Erfahrung.

Christoph Eschenbach: "Es ist im Grunde ein langer Weg. Manchmal geht es sofort bei einem Probespiel, dass man den oder die Richtige findet. Aber wir haben uns immer, mit den Orchestern, die ich hatte, Zeit gelassen, dass wir nicht nachher die Schwierigkeiten hatten beim Probejahr - zu denken: na ja, so richtig stimmt's ja nun doch nicht und: Wie sag ich's meinem Kinde. Auf der anderen Seite ist es wichtig, in diesem Jahr der Probezeit, diese jungen Menschen auch zu leiten. Und ich sage denen auch immer - wer es auch sei: Bitte, wenn Ihr Probleme habt, kommt sofort zu mir, ich kann vielleicht helfen - vielleicht auch nicht, aber ich kann vielleicht einen Ratschlag geben, um in dieses doch komplizierte Gebilde Orchester eingeführt zu werden und auf die richtige Weise eingeführt zu werden."

In Philadelphia arbeitet Eschenbach intensiv mit dem renommierten Curtis Institute zusammen, und auch in Deutschland engagiert er sich immer wieder bei Orchesterakademien, um dort Talente aufzustöbern, sie zu fördern, aber auch auf den Orchesteralltag vorzubereiten.

Christoph Eschenbach: "Ich lege sogar besonderen Wert darauf, dass aus diesen Orchesterakademien wie in Schleswig-Holstein - oder ich gehe nächstes Jahr auch zu dem Attersee-Orchester von den Wiener Philharmonikern - dass die jungen Leute, wenn sie dann im großen Orchester engagiert werden, den guten Geist, den sie in diesen Orchesterakademien lernen, nämlich: Routine = null, Respekt voreinander, aufeinander hören, nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich, gebündelte Energien in jeder Note - dass sie diese Tugenden in das Orchester weitertragen und gegen die Routine und gegen den Orchesteralltag angehen und eben die älteren Kollegen auch mit ihrem Enthusiasmus mitreißen."

Christoph Eschenbach: "Der ganze Dirigentenberuf ist ein menschlicher Beruf, das heißt: Wir müssen viele Komponenten des Menschseins und des Mit-Menschen-Auskommens berücksichtigen können und auch seismographisch darauf reagieren können. Sie dürfen nie vergessen: ein Orchester, das sind Künstler, und die wollen auch wie Künstler behandelt werden, und das mit Recht. Da müssen sie manchmal mit sehr viel Diplomatie und sehr viel Feingefühl reagieren und weiterleiten und zusammenfügen und analysieren und wieder zusammenfügen."

Die Lust an den Aufgaben eines Chefdirigenten, die über das rein Musikalische hinausgehen, hat Eschenbach von jeher besessen.

Christoph Eschenbach: "Es hat mich einfach mehr interessiert als mein Leben lang in der Isolation mit einem Instrument zu leben. Ich wollte die menschliche Seite und erfahre sie nun auch täglich, und das Interesse an den Details und an den Nuancen wird nicht weniger."

Was aber passiert, wenn das Orchester seinen Abonnementsalltag verlässt und sich auf Reisen begibt? Natürlich, die Anspannung steigt, auch eine größere Flexibilität ist wegen der stets wechselnden Konzertsäle gefragt. Und der Dirigent? Geht er vermehrt eigene Wege, oder sieht er sich während dieser Zeit als Teil der Gemeinschaft?

Christoph Eschenbach: "Ich unterhalte mich natürlich mehr mit den Musikern, aber das mehr im persönlichen Gespräch. Ich halte ja keine Reden mit Mikrophon im Flugzeug. Wir haben natürlich unsere Anspielproben, und dann sag ich ein paar Worte und nehme etwas Stellung zum Konzert am Vorabend, sag meist, dass es sehr gut war - war es auch - um die Bereitschaft für den weiteren Abend zu stimulieren. Man ist natürlich mit dem Orchester, ich kapsel mit da nicht ab."

Dabei stellt sich die Frage, ob sich der Dirigentenberuf nicht dahingehend gewandelt hat, dass infolge des größeren Drumherums - Pressearbeit, Sponsorensuche etc. - nicht auch der Manager am Pult zunehmend gefragt ist:

Christoph Eschenbach: "Das Wort Manager möchte ich nicht für mich gebrauchen. Was ich auf der Bühne mit den Musikern mache und die Musiker mit mir, hat mit Management eigentlich sehr wenig zu tun. Die Arbeit ist mehr und mehr eine größere für den Dirigenten, also es fällt mehr Arbeit an; gerade wo es nicht mehr so einfach ist, ein Schallplattenlabel zu finden, Publikum zu finden. Da sind schon Dinge, die ins Management hineinschwappen."

Wie bereits während seiner Zeit als Chefdirigent in Houston führt Eschenbach nun auch in Philadelphia mit Mitgliedern des Orchesters separat Kammermusik auf - auch dies, um ein engeres Miteinander der Musiker zu pflegen. Die Zeit der Diktatoren am Pult, der Eigenbrödler, der Alleswisser und Alles-Besser-Wisser ist vorbei. In den Proben dominiert zunehmend das Prinzip Austausch. Dabei vermitteln die einen Dirigenten ihre Ansichten über die Musik wortreich in Bildern, andere, wie Christoph Eschenbach, sind in dieser Beziehung eher sparsam.

Christoph Eschenbach: "Also ich versuche so wenig wie möglich zu erklären und versuche es aus der Musik zu deduzieren, was in der Musik drin ist. Ich kann nicht sagen, dass die Amerikaner besser als die Franzosen oder die Deutschen darauf reagieren. Vielleicht reagieren sie anders. Aber das Verständnis kommt sehr schnell - bei allen Orchestern."


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