Partituren 12

29. August 2007


"Ich bin ganz verliebt in Roussel"


Von Arnt Cobbers

Christoph Eschenbach ist viel unterwegs. Gerade war er noch in den USA, nächste Woche reist er durch Brasilien. Schließlich findet sich eine halbe Stunde Zeit für ein Interview während des Schleswig-Holstein Musikfestivals, wo er einen Operetten- und einen Kodály-/Bartók-Brahms-Abend dirigiert und dazwischen einen jungen Tenor bei einem Liederabend begleitet. Im Gespräch erweist sich Eschenbach als Mann der leisen Töne.

A.C.: Herr Eschenbach, als Sie im Jahr 2000 nach Paris kamen, gab es keinen vernünftigen Konzertsaal, die Orchester galten als guter Durchschnitt, die Oper dominierte das Musikgeschehen der Stadt. Was hat Sie bewogen, trotzdem Chefdirigent des Orchestre de Paris zu werden?
C.E.: Die Situation hat sich sehr geändert. Ich mag Paris einfach sehr gern, ich bin sehr frankophil eingestellt. Ich hatte in den 80er Jahren auch mal ein paar Jahre in Paris gelebt, d.h. ich hatte dort eine Wohnung, die ich aber aufgegeben habe, weil ich eben nicht genug Zeit hatte, dort zu leben. Mit dem Orchestre de Paris verbindet mich eine alte Freundschaft und sogar Liebe. Ich habe schon kurz nach seiner Gründung 1967 mit dem Orchester als Solist gespielt, mit dem damaligen Chefdirigenten Karajan. Ich hatte es sehr gut in Erinnerung und habe deshalb zugesagt, als ich die Anfrage erhielt - trotz der Unkenrufe, dass französische Orchester schwierig und undiszipliniert seien. Die Frage der Disziplin haben wir in den ersten zwei Wochen gelöst. (lacht) Das Orchester hat sich unglaublich verjüngt und ist wirklich ein Spitzenorchester geworden. Heute kommen Gastdirigenten gern zu uns.

A.C.: Sind Sie mit Ihrem neuen Haus, der Salle Pleyel, zufrieden?
C.E.: Der Konzertsaal ist ja frisch renoviert, nach vierjährigem Umbau. Das war eine schwierige Zeit für das Orchester, wir waren im Exil im Théâtre Mogador, einem ziemlich heruntergekommenen Boulevard-Theater mit einer Nicht-Akustik. Es war nicht angenehm, da zu arbeiten, aber die Moral im Orchester ist durch diese Misere enorm gefestigt worden. Im neuen Saal finde ich die Akustik sehr gut - wenn man sich drauf einstellt. Für Gastorchester kann sie problematisch sein, weil der Saal zuerst ziemlich "knallt". Aber wir haben uns schnell dran gewöhnt, auch die ganze Atmosphäre ist verändert, er ist jetzt sehr hell, man hat nicht mehr das Gefühl, in einem pompe funèbre zu sein.

A.C.: Stört es Sie nicht, dass die Opern in Paris mehr Aufmerksamkeit erhalten als die Orchester?
C.E.: Das mag so sein. Paris war immer eine Ballett-, Theater- und Opernstadt. Aber unsere Arbeit wird schon wahrgenommen. Paris ist eine sehr lebendige Musikstadt, gerade nach der Neueröffnung der Salle Pleyel, da ist fast jeden Abend ein Konzert. Die reisenden Orchester kommen wieder durch Paris, was in den letzten Jahren nur sporadisch möglich war. Die Konzerte sind wieder voll, und das Publikum ist sehr gut, die Leute lieben die Musik. Natürlich war es ein Manko, dass es keinen guten großen Musiksaal gab. Nach fast 20 Jahren Planung wird ja jetzt endlich die Philharmonie gebaut. Ich war sogar in der Jury, ich habe das Jean-Nouvel-Projekt sehr propagiert, das wird ein auch architektonisch hervorragender Bau mit einem Saal für 2.400 Menschen, der modifizierbar wird, sehr zukunftsweisend. Das wird künftig der Musikort sein für Paris.

A.C.: Es gibt die Klage, dass die Orchester weltweit immer einheitlicher klingen, und das ist ja auch ein Vorwurf an Dirigenten wie Sie, die mehrere Chefpositionen innehaben. Hat das Orchestre de Paris einen eigenen Klang, und wie gehen Sie damit um?
C.E.: Es ist von der klanglichen Seite ganz sicher eine Identität da. Es gibt noch immer eine eigenständige französische Holzbläserschule. Auch wenn man das Basson jetzt doch in ein Fagott verwandelt hat, hat man dafür direkt eine eigene Schule entwickelt. Auch die Blechbläser haben einen eigenen Klang, und selbst die Streicher. Ich bin gegen die Globalisierung des Klangs und nehme diese Eigenheiten deshalb gern auf. Natürlich gibt es viele Orchester, die Sie im Radio nicht auseinanderhalten können. Aber die Wiener Philharmoniker haben noch immer ihren eigenen Klang, die Berliner ebenso, und auch das Orchestre de Paris, das ich auch auf dieses Niveau setzen möchte. Auch das Philadelphia Orchestra hat noch immer seinen berühmten "Philadelphia Sound", der anders ist als Chicago und New York - die sich viel mehr ähneln. Als Chefdirigent versuche ich die Eigenheiten zu pflegen. Ich finde es höchst interessant, dass ein französisches Orchester einen wunderbaren Wagner'schen Ring spielen kann, wie wir es vor kurzem getan haben, weil er nicht so dick, sondern transparenter ist. Und Beethoven zum Beispiel erfasst das Orchester sehr von der Struktur her.

A.C.: Aber Sie als Dirigent haben doch auch eine Klangvorstellung, die Sie dem Orchester vermitteln wollen.
C.E.: Das ist ein Geben und Nehmen, eine gegenseitige Inspiration. Natürlich möchte ich, wenn ich Tschaikowsky dirigiere, einen bestimmten Klang haben, der nicht so französisch ist, und das Orchester ist so virtuos und gebildet, dass es sich da sehr schnell reinfinden kann. Aber wenn ich in Philadelphia Tschaikowsky dirigiere, klingt er anders. Das ist ja das Inspirierende daran, dass man immer wieder neue Farben entdeckt innerhalb einer Grundkonzeption, die natürlich auch den Klang umfasst.

A.C.: Sie leiten seit vielen Jahren mindestens zwei große Orchester als Chefdirigent, in der Saison 2003/04 waren es sogar drei. Das Leben als Gastdirigent wäre doch viel einfacher. Worin liegt der Reiz?
C.E.: Dass man etwas aufbauen kann. Dass man auch an der Qualität, am Stil immer wieder arbeiten kann, jede Woche, die man da ist. Die Saison mit drei Orchestern war zu viel, und ich werde auch nächstes Jahr Philadelphia abgeben und dann nur noch einzelne Projekte und Tourneen mit dem Orchester erarbeiten. Was mich wahnsinnig interessiert, sind Jugendorchester. Gestern hat das Orchester des Schleswig-Holstein-Festivals phänomenal gespielt: Bartóks Klavierkonzert, ein wahnsinnig schweres Orchesterstück, und die Erste Brahms, und das war so frisch und frei, so ohne jegliches Klischee im Kopf, das macht mir sehr viel Spaß. Auf dem Gebiet möchte ich mein Engagement ausweiten. Wir planen gerade eine Winterphase, und außerdem liiere ich mich mit dem Curtis Institute in Philadelphia, das auch ein hervorragendes Studentenorchester hat. In diese Richtung geht mein Weg.

A.C.: Sind Ihnen Dirigieren und Klavierspiel noch gleich wichtig?
C.E.: Nein, ich spiele ja schon seit 30 Jahren keine Solorecitals und keine Konzerte mit anderen Dirigenten mehr. Höchstens mal ein Mozart-Konzert oder einen frühen Beethoven, wo ich vom Klavier aus dirigiere. Aber ich mache Kammermusik und Liederabende. Es macht mir Spaß, das Klavierspiel aufrechtzuhalten. Aber ich komme nicht dazu, jeden Tag zu üben, und so gibt es Monate, wo ich auch nicht auftrete; ich muss es mir genau einteilen, wie ich üben kann.

A.C.: Haben Sie ein Leben außerhalb der Musik?
C.E.: Da muss ich den etwas banalen Satz sagen: Mein Leben ist die Musik. (lacht) Es soll bitte nicht banal klingen, es ist eben so. Ich konzentriere alles auf die Musik. Und die Musik gibt mir auch alles zurück, das ist das Schöne daran.

A.C.: Sie sind dauernd unterwegs, Ihr Repertoire ist enorm breit. Gibt es eine Musik oder einen Ort, wo Sie sich wirklich zu Hause fühlen, wo Sie das Gefühl von Heimat haben?
C.E.: Wissen Sie, meine Heimat habe ich in mir selbst entdeckt, die liegt in mir. Und die trage ich mit mir herum. (lacht) Sonst würde man sich wirklich heimatlos fühlen und melancholisch werden, vermute ich.

A.C.: Französische Symphonik wird wenig gespielt in Deutschland. Gibt es da noch Werke zu entdecken?
C.E.: Absolut, und selbst in Frankreich ist die französische Musik nicht so bekannt und wird nicht so geliebt. Wir haben in den drei Jahren bis 2003 fast alles von Berlioz aufgeführt, und es gab sehr viele - sehr gute - Stücke, die kein Mensch kannte. Oder nehmen Sie Roussel: Wir haben gerade alle vier Symphonien aufgenommen. Das Orchester hatte nur die Dritte überhaupt einmal gespielt. Das sind unglaublich interessante Stücke, besonders die ersten beiden. Die Zweite wirft schon ihre Schatten voraus zum späten Schostakowitsch - sie ist in den frühen 20er Jahren geschrieben, und sie ist aufregend wie Musik zu einem Hitchcock-Film. Und die Erste, Poème de la forêt, ist ein höchst poetisches, wunderbar ausgeleuchtetes Stück. Ich bin plötzlich ganz verliebt in Roussel.

A.C.: Sind noch mehr Entdeckungen von Ihnen zu erwarten?
C.E.: Wir machen zum Beispiel im nächsten Jahr das gesamte Ma mère l'Oie von Debussy, davon kennt man nur die Suite. Auch sein Jeu wird kaum gespielt, das ist sehr schwer, aber ein wunderbares Stück. Es gibt vieles von Debussy, was man ganz selten nur hört. Es ist wichtig, dass man diese Stück wiederbelebt. Aber es gibt auch sehr interessante zeitgenössische Komponisten, abgesehen von den Doyens Boulez und Dutilleux. Von Dutilleux kenne ich kein Stück, was nicht ersten Rang hätte - und wir haben einiges im Repertoire. Im Dezember machen wir eine dreiwöchige „Boulez-Kur". Und natürlich spielen wir auch Werke der Jüngeren: Pascal Dusapin ist ein großartiger Komponist, oder Marc-André Dalbavie - das sind Leute, die etwas zu sagen haben.

A.C.: Gibt es etwas typisch Französisches in der französischen Musik?
C.E.: Das würde ich schon sagen. Berlioz ist ein Sonderfall. Aber diese Finesse, diese Farblichkeit, gerade bei Ravel und Debussy, aber auch bei den anderen, diese breite Farbpalette, das ist schon sehr erstaunlich und evident.

A.C.: Haben Sie einen Lieblingsplatz in Paris?
C.E.: Oh, es gibt viele, ich liebe diese Stadt.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Magazins Partituren.
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