Frankfurter Allgemeine Zeitung

20. März 2001


Aufbruch in neuer Liebe und neuem Geräusch - Der Dirigent Christoph Eschenbach, das Orchestre de Paris, die deutsche Musik und ein riskanter Tanz auf fünf Hochzeiten


Von Wolfgang Sandner

Ein Klanghauch wie aus einer anderen Zeit: Baßflöte, Streicher, Harfe, ein Flügel, dessen Saiten im Korpus mit den Fingern gezupft werden, Celesta, Schlagwerk, das im dreifachen piano nur eben zu hören ist und bei dem mit einer sehr weichen Kleiderbürste der Rand eines Tomtoms gerade mal gestreift wird. Aus den oberen Rängen des Pariser Châtelet tritt ein irisierender Raumklang von drei dort postierten Celli hinzu: "Die sehr zarten Crescendi wie eine endlos langsame und unregelmäßige Atembewegung, unabhängig von den Bogenwechseln", heißt es dazu in der Partitur, deren Anweisungen so präzise und so detailliert ausgeführt sind, als habe hier ein Gustav Mahler die Feder gespitzt, der als dirigierender Komponist wohl wußte, daß man den Ausführenden und ihrer Phantasie bisweilen mißtrauen sollte.
Nachdem der Klang sich aufgelöst hat wie ein pointillistisches Gemälde von Seurat, beginnen hohe Frauenstimmen, begleitet vom langen Atem der Celli, ihre gehauchten Texte zu intonieren: "Assez vu... assez eu... assez connu - genug geschaut, genug besessen, genug gekannt, Aufbruch in neuer Liebe und neuem Geräusch!" Arthur Rimbauds epigrammatisches Prosagedicht "Départ" aus den "Illuminations" (worunter keine Erleuchtungen, sondern, wie Verlaine mitgeteilt hat, Farbstiche zu verstehen sind) hat in Matthias Pintschers Vertonung für Orchestergruppen, drei Violoncelli und Frauenstimmen seine kongeniale Vertonung gefunden. Es ist ein fragiles Stück Musik, das an jeden Interpreten höchste Anforderungen stellt, wie das schon in der Anweisung zu Beginn der Komposition zum Ausdruck kommen mag: senza misura, senza tempo. Natürlich gibt es Taktstriche, natürlich wird die Achtelnote mit der Metronomzahl 72 angegeben, die sich "molto ritardando" auf 30 verlangsamt. Aber musikalische Ordnung soll hier nur herrschen, nicht deutlich werden. Jeder Rhythmus opponiert dem Metrum, jeder Klangfarbenwert einer erkennbaren Struktur.
Die feine Wiedergabe durch das Orchestre de Paris ist dem diffizilen Werk gewachsen; die Interpretation durch ein Orchester im übrigen, das im Reigen der großen europäischen oder internationalen Ensembles - trotz namhafter Dirigenten und hervorragender Stimmführer - nie so recht an die Spitze gelangt ist. Der spürbare Qualitätsschub des vergleichsweise jungen Orchesters dürfte nicht zuletzt seinem jetzigen Chefdirigenten Christoph Eschenbach zu verdanken sein, der sich schon seit einigen Jahren als hervorragender Orchestererzieher mit erkennbarer Neigung zu neuer Musik profiliert hat. Davon konnte man sich zuletzt auch bei den Konzerten "50 Jahre das neue Werk" in Hamburg überzeugen, wo Eschenbach als Chef des Symphonieorchesters des NDR so unterschiedliche Werke wie Henri Dutilleux’ hochvirtuoses Streicherstück "Mystère de l’instant", Werke am Rande des Verstummens wie Gérard Griseys "Quatre chants pour franchir le seuil" oder Olivier Messiaens Einübung in den Bruitismus für 34 Bläser "Et exspecto resurrectionem mortuorum" grandios bewältigte. In Paris hat Eschenbach mit seiner präzisen Schlagtechnik und seiner musikalischen Souveränität selbst solch erbarmungswürdige Stücke geadelt wie Christopher Rouses pausbäckige Symphonie Nr. 2 - musikalischer Neoklassizismus pur, gegen den jede Prokofjewsche Motorik wie französischster Impressionismus wirkt.
Möglicherweise ist Eschenbach augenblicklich der international gefragteste deutsche Dirigent seiner Generation. Auf den Neubesetzungslisten wichtiger Chefpositionen von New York bis Paris und Wien fehlt sein Name jedenfalls kaum einmal. Man mag dies auch als fehlenden Wagemut von Intendanten und den Orchestern selbst interpretieren, wenn die Wunschzettel immer wieder dieselben Namen, nur in anderer Reihenfolge, aufweisen - Maazel, Jansons, Eschenbach; Eschenbach, Maazel, Jansons -, selten aber einmal wie seinerzeit in Los Angeles mit Esa-Pekka Salonen oder kürzlich in Cleveland mit Franz Welser-Möst ein wirklich junger Dirigent gewählt wird. Christoph Eschenbach kann die allzu einseitige Fixierung nur recht sein. Man muß aber auch feststellen, daß er die Wertschätzung nicht nur verdient hat, sondern auch lange auf sie warten mußte. Denn er gehört zu jenen Dirigenten, die noch in der rheinland-pfälzischen Provinz gelernt haben, auf den mittleren Posten - im Falle Eschenbach: in Zürich und Houston - gewachsen sind und sich jetzt gewissermaßen die höchsten Positionen aussuchen können.
Im Jahr 2003 wird er eines der besten amerikanischen Ensembles, das Philadelphia Orchestra, übernehmen. Das Orchestre de Paris wird er wohl ebenso weiterführen wie - wenn die Voraussetzungen gegeben werden - das Orchester des NDR. Außerdem ist er musikalischer Direktor des Ravinia Festivals, der Sommerresidenz des Chicago Symphony Orchestra, sowie des Schleswig-Holstein Musik Festivals: ein riskanter Tanz auf fünf Hochzeiten, bei dem gerade das auf der Strecke bleiben kann, wofür Eschenbachs Arbeit jetzt steht, Gründlichkeit nämlich, Präzision, engagiertes Proben und die Risikobereitschaft mit ungewohnter neuer Musik. Der vielgefragte Dirigent wird sich wohl konzentrieren müssen.
Philadelphia ist im Vergleich zu New York, das sich jüngst Lorin Maazel als neuen Chefdirigenten gewählt hat, für Christoph Eschenbach im übrigen nicht nur deshalb interessant, weil mit dem Ende dieses Jahres fertiggestellten "Kimmel Center" dann ein hochmoderner Musikkomplex zur Verfügung stehen wird, während in New York beim Antritt Maazels das Lincoln Center, beziehungsweise die Avery Fisher Hall gerade für zwei Jahre wegen Renovierung schließt. Das Philadelphia Orchestra hat auch eine außergewöhnliche Tradition des Neuen (amerikanische Erstaufführungen von Mahlers Achter, Strawinskys "Sacre" oder Bergs "Wozzeck" sowie die Uraufführung von Schönbergs Violinkonzert etwa), auch der neuen Medien: Das Orchester war Pionier in der Veröffentlichung von Schallplatten im Jahre 1917, es war das erste Sinfonieorchester, das im Fernsehen auftrat, Vorreiter bei der Produktion von klassischer Musik für den Film oder gar den Zeichentrickfilm - die berühmten Stokowskische "Fantasia" aus dem Jahre 1940 für Walt Disney. Christoph Eschenbach möchte diese Tradition fortsetzen, aber auch die zweite große Liebe des Orchesters zur (deutschen) Romantik. Und in diese Traditionslinie gehört für Eschenbach auch das Werk des dreißigjährigen Matthias Pintscher: visionäre Klänge, hochdramatische Gesten, gepaart mit handwerklichem Schliff in kompositorischer Eigenständigkeit.


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