Frankfurter Allgemeine Zeitung

23. September 2003


Hunderter mit Steuermann
Musikalische Wirbelstürme: Christoph Eschenbach als Chef des Philadelphia Orchestra vereidigt


Von Wolfgang Sandner

Wie man auch immer seinen Antritt als siebter Chefdirigent in der einhundertunddreijährigen Geschichte des Philadelphia Orchestra musikalisch beurteilen mag: Christoph Eschenbach hat in jedem Fall Instinkt für die Symbolik des Augenblicks bewiesen und die Ungunst des Wetters zur Metapher auf eine möglicherweise segensreichere künstlerische Perspektive genutzt. Als er Ende voriger Woche sein erstes Konzert als "Music director" mit dem Orchester im neuen Haus des Kimmel Center for the Performing Arts gab, tobte gerade der Hurrikan "Isabel" über die amerikanische Stadt im Osten des Landes. Eschenbach bedankte sich öffentlich bei denjenigen, die alle Sturmwarnungen buchstäblich in den Wind geschlagen und die architektonisch durch eine gigantische Außenhalle des Kimmel Center vor Straßenlärm und Unwetter geschützte Verizon Hall immer noch gut gefüllt hatten. Zwei Tage später, nach weiteren zwei entsprechend gut besuchten Abonnementskonzerten, beglückwünschte er sich selbst, das Orchester und sein Publikum dafür, "Isabel" erfolgreich getrotzt zu haben, und versprach seinen nunmehr als unerschrocken bestens ausgewiesenen Hörern für die nahe und ferne Zukunft "Indoor Hurricanes". Die angeblich so konservativen, gleichwohl kritischen Musikliebhaber von Philadelphia nahmen es mit gelassenem Humor zur Kenntnis.

Hallenorkane hat das Philadelphia Orchestra schon lange nicht mehr erlebt, vielleicht zuletzt in den Zeiten Leopold Stokowskis bis 1938, dessen verdienstvolle Konzerte mit zeitgenössischer Musik von Schönberg bis Varèse ebenso in Erinnerung geblieben sind wie seine klanglich experimentellen Kuriositäten, seine irrwitzigen Tempi und selbstherrlichen Bearbeitungen. Danach hat das Orchester in den weltrekordverdächtigen vierundvierzig Jahren unter dem aus Ungarn stammenden Eugene Ormandy etwas ganz anderes entwickelt, was allerdings nicht minder in die Musikgeschichte Amerikas eingegangen ist: den "Philadelphia Sound", jenen brillanten Breitwandklang, der seither zum Markenzeichen des Orchesters geworden ist und ihm einen scheinbar von anderen uneinnehmbaren Platz unter den "big five" amerikanischer Symphonieorchester garantiert.

Die großen fünf: Ob das immer dem aktuellen Niveau der Orchester entspricht, mag dahingestellt bleiben, vor allem, wenn man daran denkt, was etwa Lorin Maazel und Mariss Jansons mit dem Orchester in Pittsburgh, Herbert Blomstedt und Michael Tylson Thomas mit dem San Francisco Symphony Orchestra oder Esa-Pekka Salonen mit dem Los Angeles Philharmonic in jüngerer Zeit an Klangraffinement, Homogenität in den jeweiligen Instrumentalsektionen, neuem Repertoire und neuen Spielformen erreicht haben. Gleichwohl bleiben die Orchester in Boston, Cleveland, Philadelphia, Chicago und New York - wie auch immer man die Reihenfolge untereinander ausmacht - ein feiner Club für sich, der nicht zuletzt auch durch jene Stiftungssumme definiert wird, die die ökonomische Basis der fast ausschließlich privat finanzierten amerikanischen Orchester ausmacht.

So wird zur Stärkung von Christoph Eschenbachs Position in Philadelphia von Anfang an beigetragen haben, daß es ihm gelungen ist, von der Annenberg Foundation fünfzig Millionen Dollar zur Anhebung des Orchester- Endowments erhalten zu haben, die zweithöchste Summe, die jemals einem amerikanischen Ensemble zur Verfügung gestellt worden ist und die das Philadelphia Orchestra nun finanziell über die Musiker etwa in Cleveland stellt; Boston bleibt freilich nach wie vor in dieser Hinsicht unerreicht. Das Geld aus der Stiftung soll in dreierlei Hinsicht genutzt werden: für Erziehungsarbeit, womit nicht nur die Beziehung zum renommierten Curtis Institute gemeint ist, sondern auch die Mobilisierung jüngerer Hörerschichten; für Tourneen, vor allem in Amerika selbst; schließlich für Aufnahmen, die das Orchester durch die technischen Einrichtungen des Kimmel Center unabhängig von großen Plattenfirmen und ihren labilen ökonomischen Verhältnissen durchführen kann.

Was man in Philadelphia von Christoph Eschenbach musikalisch erwarten darf, hat er nicht nur in Interviews immer wieder betont, sondern auch mit seinen ersten Konzerten programmatisch unmißverständlich vorgestellt. So gab er seinen Einstand gleich mit der Uraufführung von "Avatar", einem Werk des zweiundfünfzig Jahre alten Gerald Levinson aus Philadelphia, mit Leonard Bernsteins "Jeremiah" von 1942 sowie der ersten Symphonie von Johannes Brahms. Neues, Amerikanisches, Romantisches: das ist der Dreiklang, der jetzt angeschlagen wurde und der das Orchester und sein Publikum aus der dominanten europäischen Musiktradition des neunzehnten Jahrhunderts, die Ormandy, Riccardo Muti und Wolfgang Sawallisch vertraten, allmählich ins einundzwanzigste Jahrhundert führen soll. Dabei mag freilich nur jene, die Neuheit an Jahreszahlen festmachen, überrascht haben, wie modern Schönbergs "Brahms, der Fortschrittliche" im Vergleich zu Gerald Levinson mit seiner jüngsten, als Auftragswerk für Philadelphia entstandenen Komposition wirkte.

Es lag auch an Eschenbachs Klangvorstellung, der die erste von Brahms tatsächlich und ohne alle ästhetische Häme wie die zehnte von Beethoven auffaßte, das heißt, die motivische Arbeit, die strukturellen Verbindungen, die kompositorische Architektur herausstellte, weniger die Klangfarbendichte und das melodisch-rhythmische Pathos, das gleich zu Beginn der langsamen Einleitung durch die insistierenden Pauken und die schwermütigen Streicher erzeugt wird. Leicht dürfte das Eschenbach und seinem Orchester nicht gefallen sein, denn die wie ein überdimensionales Violoncello gestaltete Verizon Hall läßt - um es etwas plakativ zu übertreiben - die im Tutti gebündelten Streicherklänge im Korpus der Halle gewissermaßen wie Fischschwärme im Maul eines Pottwals verschwinden. Yo-Yo Ma wird wohl auch tags zuvor als Solist bei Dvoráks Cello-Konzert festgestellt haben, daß eine noch so ausladende Klanggeste und die Forcierung des Melos nicht vor Disproportion zum großen Orchesterapparat schützen. Hier werden sich die Akustiker, aber auch die Musiker noch etwas einfallen lassen müssen, um eine Balance zwischen Soli und Tutti einerseits sowie Streichern und Blech- beziehungsweise Holzbläsern andererseits zu erzielen.

An den akustischen Verhältnissen lag es allerdings weniger, wenn Levinsons zehnminütiger Orchestersatz "Avatar" (was, aus dem Sanskrit stammend, soviel wie kosmische Energie oder die Erscheinung des Göttlichen auf Erden bedeutet) keine bemerkenswerte musikalische Physiognomie aufwies und in seinem unentschlossenen Eklektizismus zwischen Messiaenschem Klangsensualismus, Bartókschen Barbarismen, Mahlerschem Streicher-Melos und Neoromantizismen nur die große theoretische Kenntnis seines Autors bei relativ geringer Fähigkeit zum kompositorisch sinnfälligen Zusammenfügen verriet. Von anderem Kaliber ist da "Jeremiah", Leonard Bernsteins erste Auseinandersetzung mit der dreisätzigen Symphonie, an deren Ende - klangschön und mit großem Ausdruck von der schwedischen Mezzosopranistin Anna Larsson gesungen - ein ungemein intensives Lamento steht, das mit entsprechender Orchesterintensität gestaltet zum Höhepunkt der Inauguration von Christoph Eschenbach wurde und wie ein Versprechen auf eine große gemeinsame Zukunft wirkte.


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