Berliner Philharmoniker - das magazin

März/April 2005


"Nirgends wird Welt sein als drinnen" -
Ein Gespräch mit dem Dirigenten und Pianisten Christoph Eschenbach


Von Jürgen Otten

Es gibt nicht viele Menschen, die das Bundesverdienstkreuz gleich drei Mal zu Lebzeiten erhalten. Christoph Eschenbach ist einer der Wenigen, denen diese Ehre zuteil wurde. Und mit einigem Recht. Sein Einsatz zumal für die musizierende Jugend kann als beispielhaft in der Szene der Jet-Set-Künstler gelten. Aber nicht allein durch sein Wirken in der Nachwuchsförderung hat sich der 1940 im damaligen Breslau (heute Wroclaw) als Christoph Ringmann geborene Musiker einen Namen gemacht. Seine erste Karriere machte Eschenbach, der nach dem Tod der leiblichen Eltern bei der (musikalischen) Familie Eschenbach aufwuchs, spätestens nach dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs 1962, als Pianist; eine Einspielung mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan aus dem Jahr 1966 von Beethovens Erstem Klavierkonzert besitzt noch heute exemplarischen Charakter. Mitte der 1970er-Jahre entschied sich Eschenbach für die Laufbahn des Dirigenten. Als Chefdirigent formte er seither unter anderem die Orchester von Zürich, Houston, Hamburg, Paris und Philadelphia. Was übrigens nicht bedeutet, dass er das Klavierspielen völlig aufgegeben hat: Eschenbach tritt nach wie vor an das schwarze Tier mit den weißen Zähnen, jedoch vorwiegend als Kammermusiker. Wir trafen den außergewöhnlichen und vielseitig begabten Künstler während eines Gastdirigats in Hamburg, wo er mit dem NDR-Symphonie-Orchester Bruckners Achte aufführte und sprachen mit ihm über seine Kindheit, die Bedeutung von Sprache, den Sinn von Wiederholungen im Leben, über Religiosität und über den Begriff der Heimat.


Magazin: Herr Eschenbach, was auf den ersten Blick frappiert, ist Ihre Website: Das Entrée-Bild zeigt Sie, dirigierend, die Augen nach oben gerichtet, hin zu einer unsichtbaren Gestalt, und es scheint, als würde dieser Jemand sagen: Christoph Eschenbach, was Sie machen, ist etwas Ästhetisches. Kurzum: Es ist ein erhabenes Bild, was man sieht. Warum haben Sie dieses Bild gewählt?
Christoph Eschenbach: Es gefiel mir. Und ich fand, dass es eine sehr schöne, eine umfassende Geste wiederspiegelt. Eine umarmende Geste sozusagen.

Magazin: Was wiederum gut zu einem Satz von Ihnen passt: Sie haben einmal gesagt, Musik bedeute für Sie Lebenshunger, Obsession – und Lebensantwort. Vor allem Letzteres klingt sehr weltanschaulich-intim. Ist Musik für Sie die Antwort auf das, was Sie erlebt, gelebt, auch erlitten haben?
C. E.: Es ist das Ausdrucksventil für Eindrücke, die verarbeitet und eben ausgedrückt werden müssen. Um das zu erreichen, ist Musik für mich von Anfang an und heute noch das schönste Mittel. Und es handelt sich hierbei nicht nur um die Verarbeitung der grauenhaften Eindrücke aus meiner Kindheit, sondern es handelt sich um Eindrücke überhaupt. In jedem Musikstück sind vom Komponisten persönliche Eindrücke aufgeschrieben worden. Und das umzusetzen, zu interpretieren, zu analysieren, sich damit zu identifizieren – darin liegt der Sinn und Zweck meiner Arbeit.

Magazin: Stimmt es, dass Sie die Fähigkeit zu sprechen, verloren hatten als Kind, nachdem Ihre Eltern umgekommen waren, und dass Ihnen die Musik diese Sprache zurückgegeben hat? Kann Musik generell Sprache ersetzen? Oder steht sie über der Sprache?
C. E.: Musik besitzt die wunderbare Eigenschaft, über der Sprache zu stehen, und zugleich die Fähigkeit, Sprache zu sublimieren, zu vervielfältigen,die Sprachbarrieren zu brechen, gleichsam die Sprache zu erweitern in Klang, in Klangrede.

Magazin: Sie sind nun beileibe kein Vertreter der historischen Aufführungspraxis, aus deren Fundus dieser Terminus technicus stammt, sondern interpretieren Musik des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Was meint der Begriff Klangrede für Sie persönlich? Und ist zeitgenössische Musik ebenfalls als eine Art Klangrede aufzufassen?
C. E.: Natürlich. Das Wort Klangrede ist eigentlich von Nikolaus Harnoncourt kreiert worden; es ist aber schon vorher verwendet worden, und zwar von einem meiner größten Vorbilder und meinem zeitweiligen Lehrer in Cleveland, von George Szell; der hat immer davon gesprochen. Klangrede, das meint ja auch: Diktion, Phrasierung, Luzidität, Transparenz. Klangrede ist, wenn man etwas mit Klang erzählt, wenn man etwas mit Klang sagt. So einfach ist das im Grunde. Kompliziert wird es erst, wenn man es dann wirklich tut: Was man und dass man etwas erzählt. Dass die Musik nicht hermetisch bleibt.

Magazin: Gibt es ein Geheimnis, wie man dies immer wieder hinkriegt? Oder ist es jeden Abend ein Neustart und ein Tanz auf dem Seil?
C. E.: Es ist jeden Abend ein neues Erlebnis. Abenteuer. Ich bin heute anders als gestern, und ich habe seit dem Konzert gestern Mittag andere Erfahrungen, die irgendwie in die Musik eingehen, auch wenn ich natürlich eine Konzeption von der Bruckner-Symphonie habe, die ich gerade dirigiere. Es kommt stets eine kleine oder auch größere Nuance dazu. Gerade der ausführende Musiker sollte seismografisch reagieren auf das Leben – auch auf das tägliche Leben.

Magazin: Es sind demnach nicht nur geschichtlich bedeutsame Ereignisse, die auf Sie als Interpret einwirken, sondern es kann auch eine Szene auf der Straße sein. Der Obdachlose, der in der Kälte steht, verändert das Denken über die Welt, meinen Sie das?
C. E.: Ja, genau das meine ich. Es gibt auch im "Kleinen" sehr große Eindrücke.

Magazin: Verschwindet die Welt, unser Bild von ihr, hinter den vorgeblich großen Dingen zu sehr?
C. E.: Wir müssen uns sehr vorsehen, dass wir nicht mehr und mehr an die Oberfläche geschwemmt werden, sondern unser Inneres bewahren.

Magazin: Braucht es dazu Spiritualität? Religiosität?
C. E.: Nicht unbedingt. Ein Blick nach innen genügt. Da findet man häufig genug Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Und so sind dann doch bei der Religion angelangt. Oder bei Gott.

Magazin: Aber gibt die Religion, gibt Gott immer die passende, die gute Antwort?
C. E.: Nicht immer. Wenn Sie es dogmatisch sehen, dann tut Religion das schon. Aber mir genügt das nicht.

Magazin: Wo suchen Sie weiter? Oder anders gefragt: Akzeptieren Sie die Grenze des Erfahrbaren?
C. E.: Nein. Ich akzeptiere eigentlich diese Grenze nicht. Ich möchte sie offen halten. Es ist sehr schön, wenn man an Fragen arbeitet und weiter sucht nach Antworten, anstatt eine gewisse Antwort zu formulieren, mit der ich dann zufrieden bin. Das genügt mir nicht.Und das sehe ich in der Musik immer wieder. Sie können zum 100. Male die Fünfte von Beethoven dirigieren, und Sie finden immer wieder neue Aspekte. Das Stück ist nie zu Ende, und die Erfahrung mit dem Stück ebenfalls nicht.

Magazin: Aber wenn das Leben selbst zu Ende ist, endet die Erfahrung ebenfalls – und das endgültig.
C. E.: Sagen wir es so: Dann ist die Erfahrung wahrscheinlich zu Ende.

Magazin: Sie haben, wie Sie selbst auf Ihrer Homepage schreiben, geplant, mindestens 100 Jahre alt zu werden...
C. E.: (lacht) Das ist ein bisschen mit Augenzwinkern gesagt.

Magazin: Aber jedes Augenzwinkern birgt etwas zuvor und im gleichen Kopf Gedachtes.
C. E.: Ich meine damit nur, dass ich mich offen und neugierig halten möchte, bis ich uralt bin, und dass ich dann immer noch weiter denkend arbeiten möchte. Das heißt, ich möchte nicht stehen bleiben. Es ist einfach ein Lebensziel.

Magazin: Ist dann jeder Tag so eine Art irdische Erneuerung für Sie? Und: Nehmen Sie die Dinge, die geschehen, musikalisch wie menschlich, nicht als etwas sich Wiederholendes wahr, sondern als etwas, das sich im Moment seines Erscheinens schon wieder verändert?
C. E.: So ist es. Jede Wiederholung ist langweilig.

Magazin: Wir schlafen jede Nacht. Schlafen wir jede Nacht vollkommen anders?
C. E.: Natürlich. Wir träumen doch jedes Mal etwas anders. Es geschehen im Schlaf Dinge, von denen wir nichts wissen. Das Unbewusste wird etwa 230 Mal umgedreht und dreht sich um sich selbst, und wir wissen das gar nicht. Aber eben das ist es, was wir zwar nicht wissen, was aber geschieht, auf das wir am nächsten Tag reagieren sollten.

Magazin: Das klingt ein wenig nach erheblicher Dankbarkeit, was Sie sagen, also auch denken. Ist dieses Denken der Tatsache geschuldet, dass Ihr Leben so angefangen hat, wie es angefangen hat?
C. E.: Dieses Denken hat gewiss mit den Erfahrungen der frühen Kindheit zu tun. Und diese Erfahrungen haben sich in der Art, wie ich Musik verstehe und mache, niedergeschlagen. Der Einfluss ist unübersehbar.

Magazin: Wie stellt sich der Einfluss konkret dar?
C. E.: Indem man beispielsweise sensibler ist für den Obdachlosen auf der Straße. Oder indem man sensibler wird für Schönheit. Ohne kitschig zu werden: Ein Sonnenaufgang ist so etwas. Oder ein Tautropfen.

Magazin: Aber wie geht das zusammen: die Sensibilität für den Obdachlosen und für die Musik und dann das Wissen darum im Konzert am Abend, dass es doch viele gutbetuchte Konzerthörer gibt, die von einem Obdachlosen nur angeekelt sind, und deren erstes Ziel es ist, ihre neue Abendgarderobe zu präsentieren? Nach dem Motto, ganz salopp: Man war dabei gewesen?
C. E.: Die Amerikaner nennen das "Nice evening of entertainment". Dazu muss ich sagen: Ich glaube an die Kraft der Musik: dass sie doch tiefere Schichten in Menschen anspricht als nur die Entertainment-Oberfläche. Mein Wollen ist es, dieses zu versuchen, mit totalem Engagement, mit totalem Einsatz jeden Abend, den ich Musik mache, aber auch in jeder Probe. Im Orchester sehe ich, dass Menschen sich verändern. Sprich: Ich glaube daran, dass etwas sich in Menschen verändern kann durch ein Konzerterlebnis.


Magazin: Bei allem, was Sie tun, ist, spielt anscheinend der vermittelnde Aspekt eine äußerst wichtige Rolle. Die Person, der Künstler Christoph Eschenbach tritt fast ein bisschen zu sehr dahinter zurück. Ist es Bescheidenheit? Ihre Bescheidenheit?
C. E.: Ich empfinde mich als Medium, durch welches die Musik, diese schwarzen Punkte auf weißem Papier, hindurchfließt, und durch welches sie zugleich wieder lebendig wird. Insbesondere Letzteres empfinde ich sehr stark, was wiederum das Phänomen des Mediums als etwas Persönliches, Subjektives wieder in den Mittelpunkt rückt.

Magazin: Gehört dazu auch, dass Sie sehr früh, bereits Mitte der 1970er-Jahre, entschieden haben, die Karriere als Solo-Pianist aufzugeben, und zwar zu Gunsten des Dirigierens und der Kammermusik? Mir scheint dies, im Rückblick, eine recht mutige Entscheidung.
C. E.: Das war gar nicht mutig, sondern ergab sich aus einer Notwendigkeit der Konzentration. Als ich mein erstes Chefamt als Dirigent [1978, als GMD der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz; Anm. d. Red.] antrat, merkte ich, dass mein Repertoire sehr dünn war. Also entschied ich, die vorhandenen Lücken zu schließen, und da blieb schlicht zu wenig Zeit, um neue Stücke für das Klavier einzustudieren. Hinzu kam, dass es mich nicht genügend interessierte, allein auf einem Podium zu sitzen und dieses schwarze Tier mit den weißen Zähnen zu bearbeiten. Mich interessierte viel mehr, mich mit Menschen auf einer Bühne zu umgeben. Und der Entschluss, dennoch, wenn auch "nur" als Kammermusiker, beim Klavier zu bleiben, war ein rein sensueller. Ich wollte sehen, welche Klänge, welche Klangfarben aus dem Instrument herauszuholen sind. Als Kammermusiker oder als Pianist und Dirigent in einem Mozart-Konzert. Oder eben als Liedbegleiter.

Magazin: Ganz banale Frage: Warum gerade das Lied?
C. E.: Weil ich damit aufgewachsen bin. Meine Adoptivmutter Wallydore Eschenbach war Pianistin und Sängerin, ich habe die Kunstgattung Lied durch sie sehr lieben gelernt.

Magazin: Mit ihr und dem Rest der Familie sind Sie 1953 nach Aachen umgezogen, wo Sie am dortigen Einhard-Gymnasium das Abitur machten. In Aachen hatte Jahre zuvor auch ein gewisser Herbert von Karajan einmal angefangen, als Chefdirigent der Oper. Und wie es der Zufall will, machten Sie als Pianist Ihre erste Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan, das war 1966. Hatten Sie als der Sohn eines Mannes, für dessen Tod die Nationalsozialisten verantwortlich waren, Probleme mit der politischen Vergangenheit Karajans?
C. E.: Ich gestehe, ich wusste damals nicht genügend darüber. Das wurde erst in den 1970er-Jahren publik, wie so vieles, was man nach dem Krieg unter dem Teppich gelassen hatte. Ich hatte – persönlich – eine sehr gute Beziehung zu Karajan; als Musiker habe ich ihn sehr verehrt. Was die politische Vergangenheit angeht, ist sie natürlich deplorabel [beklagenswert, Anm. d. Red.] Und ich bin der Letzte, der in dieser Hinsicht verzeiht. Aber ich war seinerzeit nicht in der Position, dass ich ein Gespräch mit Karajan über dieses heikle Thema hätte führen mögen. Es wäre, vermute ich, wohl auch kein besonders gutes Gespräch geworden.

Magazin: Das klingt a posteriori etwas zornig. Hätten Sie mit ihm musiziert, wenn Sie um seine Vergangenheit gewusst hätten?
C. E.: Das ist eine schwierige Frage. Eine sehr schwierige Frage. Nochmals: Ich habe es in dem Maße nicht gewusst damals. Heute hätte ich eine andere Einstellung dazu. Ich würde erst einmal gefragt haben, wie es dazu gekommen ist, dass er gleich zwei Mal einen Aufnahmeantrag für die NSDAP stellte. Eines aber muss ich sagen: Karajan war, als ich ihn kennen lernte, bestimmt alles andere als ein Neonazi. Deswegen bin ich sehr gut mit ihm ausgekommen. Wir sind allerdings andererseits nicht so vertraulich miteinander umgegangen, dass man mehr als über Musik hätte sprechen können.

Magazin: Ist es nicht ein bisschen traurig, wenn Musiker von solcher Intelligenz nur über Musik sprechen?
C. E.: Karajan hat überhaupt wenig geredet. Er war bekannt dafür, alles mit zwei Worten abzuhandeln. In den Proben kam er sofort auf den Punkt, ich habe das bewundert. Insofern machte er die Möglichkeit eines Gesprächs gar nicht auf. Er war, was man ihm leider stets als Arroganz ausgelegt hat, scheu, fast ängstlich. Und hat deshalb sich so abgeschottet...

Magazin: ...eine Einschätzung, die viele wohl verwundern wird. Zugleich hat Karajan das Wort vom Wesen und Wunder der Vermarktung mitgeboren; ein Begriff, der heute zuweilen mehr bedeutet als die reine Kunst. Ist die Tendenz gut?
C. E.: Nein. Doch Karajan wollte wirklich etwas Gutes damit. Er hat sich um junge Talente wirklich gekümmert.

Magazin: Was Sie ebenfalls reichlich tun, etwa beim Schleswig-Holstein Musik Festival, wo sie eine Orchester-Akademie ins Leben gerufen haben. Ist es Sentimentalität, die Sie antreibt?
C. E.: Nein. Ich erfreue mich einfach an der Tatsache, dass unterschiedliche Menschen für eine gewisse wichtige Zeit ihres Lebens in einem Orchester zusammenfinden, was sie sonst vielleicht nicht tun würden. Die Musik macht es möglich.

Magazin: Sie macht es in Ihrem Fall anscheinend auch notwendig, dass Sie außergewöhnlich viel unterwegs sind. Von Philadelphia nach Hamburg, von Paris nach Berlin, und so weiter und so fort. Sind Sie nicht manchmal müde? Oder hält Sie die Neugierde ständig wach und gibt Ihnen mehr Kraft, als sie sie Ihnen raubt? Ist es das?
C. E.: Das ist es. Hinzu kommt noch etwas anderes: Ich kenne das Wort Heimat nicht. Heimat ist für mich überall.

Magazin: Heimat als eine Art Topographie der Seele? Als ein Lebensgefühl?
C. E.: Heimat ist innen drin, nicht außen. Es gibt ein schönes Wort von Rilke, aus seiner siebten Duineser Elegie: "Nirgends wird Welt sein als innen."

Magazin: Ist es bisweilen eine einsame Heimat?
C. E.: Es kann manchmal einsam sein. Aber ich langweile mich nie.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Berliner Philharmoniker. Copyright © 2005 BERLINER PHILHARMONIKER - das magazin