Die Welt

20. Februar 2010


Ein Dirigent braucht keine Haare


Von Kai Luehrs-Kaiser

Christoph Eschenbach begann als Pianist. Von 1998 bis 2004 leitete er das NDR-Sinfonieorchester, danach das Orchestre de Paris und das Philadelphia Orchestra. Ab Herbst übernimmt er das National Symphony Orchestra in Washington. Heute wird er 70 Jahre alt. Mit ihm sprach Kai Luehrs-Kaiser.

DIE WELT: Herr Eschenbach, wenn Vladimir Horowitz nach wichtigen Nachwuchspianisten gefragt wurde, nannte er Ihren Namen. Woher?

Christoph Eschenbach: Ich hatte ihm einmal vorgespielt. Als ich in New York seine Wohnung betrat, sah ich als Erstes den roten Clown von Picasso und eine Derby-Szene von Edgar Degas. Auf dem Tisch lagen Bücher über Schumann. Horowitz las Deutsch. Er war mein großes Idol.

DIE WELT: Was bewunderten Sie an ihm?

Eschenbach: Das Singen auf dem Klavier. Auch sein Pianissimo. Das erste As von Schumanns "Blumenstück", das ganz leise gespielt werden muss, blühte bei ihm auf wie eine Blume. Der Ton trug, obwohl er so leise war, dass er eigentlich kaum zu hören war. Unglaublich.

DIE WELT: Sie wurden in Schlesien geboren. Ihre Mutter starb bei der Geburt, der Vater während des Krieges. Mit Ihrer Großmutter flohen Sie nach Deutschland ...

Eschenbach: Nach langer Odyssee landeten wir in Mecklenburg, während des Jahrhundert-Winters 1945/46. In dem Flüchtlingslager brach Typhus aus, woran alle Insassen starben. Der behandelnde Arzt auch. Ich war der letzte Überlebende.

DIE WELT: Und Ihre Großmutter?

Eschenbach: Meine Großmutter hatte noch kurz vor ihrem Tod eine Postkarte geschrieben an eine Cousine meiner Mutter. Sie kam aber erst nach sechs Wochen an, während einer nach dem anderen starb. Es war kurz vor meinem 6. Geburtstag, ich war längst auch erkrankt. Es war dramatisch und traumatisch. Weil, das sinkt so tief ein. Das kriegt man nicht weg. Und es war dann auch so, dass ich wirklich verstummte. Ich habe ich einige Monate lang nicht gar nicht gesprochen.

DIE WELT: Ihr Vater starb im Krieg als Angehöriger eines Strafbataillons. Warum?

Eschenbach: Mein Vater war der Musikwissenschaftler Heribert Ringmann, er war Professor für Musikgeschichte in Breslau. Er war gegen die Nazis und mit einer jüdischen Frau verheiratet. Das Verhältnis zu meiner Mutter war der Seitensprung mit einer Schülerin. Er hat meine Mutter dann wegen mir geheiratet, bevor sie bei meiner Geburt starb. Als Kanonenfutter wurde er an der Front eingesetzt.

DIE WELT: Von der Cousine Ihrer Mutter haben Sie Ihren Namen übernommen?

Eschenbach: Ihr Haus war wie eine Neugeburt. Sie unterrichtete Klavier. Ich hörte sie abends, wenn sie für sich spielte. Ich hörte, hörte, hörte. Wahrscheinlich war das auch ein Mittel der Genesung.

DIE WELT
: Inwieweit ist diese Vergangenheit heute präsent?

Eschenbach: Es ist ein Thema, das Sie niemals wieder loswerden. Ich bin politisch wacher, empfindlicher. Ich habe mit der Musik von Richard Strauss lange Zeit meine Schwierigkeiten gehabt. Auch mit der autoritären Rolle des Dirigenten, so wie sie zumindest früher verstanden wurde, kann ich mich nicht anfreunden.

DIE WELT: Dabei haben Sie das Dirigier-Handwerk bei George Szell gelernt - einem der autoritärsten Dirigenten, die es je gab.

Eschenbach: Zu mir war er aber nur ein Mal unangenehm. Als ich ihm im Salzburg vorspielte, meinte er plötzlich: "Christoph, ich erkenne dich nicht wieder. Du machst alles falsch." Aber Szell war ein großartiger Klang-Skulpteur. Das genaue Gegenteil von Karajan, der eine Art Maler war, mit Farben arbeitete und gleichsam horizontal dachte. Die beiden behandelten einander äußerst vorsichtig, mit übertrieben zeremoniellem Lob. Nicht zufällig durfte Karajan das Cleveland Orchestra nur genau ein Mal dirigieren. Ich war dabei.

DIE WELT: Warum haben Sie Ihre Solistenkarriere als Pianist aufgegeben?

Eschenbach: Ich finde das Kommunizieren mit mir selbst - alleine mit einem Werk - nicht interessant. Ich bin doch kein Alleinunterhalter. Das ist vorbei.

DIE WELT: Ihr Ausstieg als Chefdirigent in Philadelphia machte einen unglücklichen Eindruck. Woran ist die Beziehung gescheitert?

Eschenbach: An einem unfähigen, neuen Management. Man gab vor, das Orchester möge mich nicht. Was eine Lüge war. Das Mismanagement hat dazu geführt, dass jetzt ein Defizit von neun Millionen aufgelaufen ist und kein Chefdirigent gefunden wird. Ich bin froh, dass ich da weg bin.

DIE WELT: Vor einigen Jahren haben Sie etwas für Dirigenten sehr Ungewöhnliches getan: sich die Haare abrasiert.

Eschenbach: Meine Haare wurden weniger, also dachte ich: Lieber ganz weg damit. Von diesem Tage an habe ich mich total wohl gefühlt. Und geschadet hat's auch nicht. Mein Image, wissen Sie, hatte sich nie wirklich auf Haaren aufgebaut.



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