Concerti

Juli/August 2010


"Wichtig ist eine starke Persönlichkeit"


Von Christoph Forsthoff

Er ist ein Ausnahme-Künstler, dieser Christoph Eschenbach: Ein Dirigent, der auch mit 70 noch voller Neugier und Entdeckerlust ist. Der jungen Musikern nicht nur gern Mentor ist, sondern sie auch wie kaum ein zweiter zu begeistern vermag, wie er allsommerlich voll jungenhafter Dynamik beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) in der Salzauer Orchesterakademie beweist. Und der nicht zuletzt bis heute gern den Taktstock mit dem Klavierhocker tauscht und als Pianist ein wunderbar einfühlsamer Kammermusikpartner ist.


Herr Eschenbach, Sie sind gerade mit Tzimon Barto auf Deutschlandtour gewesen, nun bestreiten Sie mit ihm beim SHMF erneut zwei Konzerte – was schätzen Sie so an ihm?
Er ist für mich einer der bedeutendsten Pianisten und ein wunderbarer Musiker, der die Musik auslotet und ihr nachspürt und eine unvergleichliche Farbenpalette auf dem Klavier besitzt. Es ist unglaublich interessant, wie er die Stücke liest und hinter die Noten guckt – ich bin immer wieder überrascht und nie enttäuscht.

Nun besitzt auch manch anderer Musiker diese Fähigkeiten – was ist es darüber hinaus, das Sie seit inzwischen mehr als 20 Jahren mit ihm verbindet?
Er ist einer der belesensten Menschen, die ich kenne, spricht fünf Sprachen fließend und lernt gerade Chinesisch. Mit ihm in ein Museum zu gehen, ist unglaublich aufschlussreich, er kann einem etwa die gesamte Geschichte eines Bildes von Paolo Veronese aus dem 16. Jahrhundert erzählen: Er besitzt einfach eine unglaubliche Allgemeinbildung – ein wahrer Renaissance-Mensch!

Gemeinsam werden Sie auch beim großen SHMF-Geburtstagsfest „Eschenbach & Friends“ am 18. Juli in Salzau auftreten – wonach haben Sie die anderen „Freunde“ dieses Tages ausgewählt?
Das sind alles jüngere Leute, die aus meinem Mentor-Stall kommen, wie einst auch Barto. Junge Leute, die ich entdeckt habe und fördere, weil sie ganz spezielle Talente haben – ähnlich jenen Eigenschaften von Barto am Klavier: nämlich der Musik nachzuforschen und zu erkennen, dass die Musik eigentlich nur spricht, wenn man ihr die Freiheit gibt und den Raum um die Phrasen frei macht; wenn man flexibel mit der Musik umgeht, mit den Tempi und der Dynamik und der musikalischen Sprache.

Sind all dies jene Fähigkeiten, die ein junger Musiker haben muss, damit er in den Genuss Ihrer Mentorenschaft kommt?
(lacht) Ja, ich glaube schon. Es gibt sehr viele solcher Talente. Ich bemühe mich nur darum, dass sie diese Eigenschaften nicht verlieren, denn diese Gefahr besteht gerade in den ersten Jahren im Alltag des Klassikbetriebs. Wichtig ist eine starke Persönlichkeit, um gegen die Routine und die schlechten Eigenschaften des Musikbetriebs anzukämpfen.

Mit dabei am 18. Juli ist auch das Festival-Orchester mit 120 jungen Menschen aus mehr als 20 Nationen, die allsommerlich für die Festivalwochen zusammenkommen, um mit großen Dirigenten verschiedene Programme einzustudieren. Eine Idee, der Sie seit über zwei Jahrzehnten eng verbunden sind. Was ist für Sie bis heute das Faszinierende an diesem SHMF-Orchester?
Die Orchestermusiker sind ebenfalls hervorragende Talente, und ich versuche während der Orchester-Phasen immer wieder, Ihnen in meinen Proben bei aller Genauigkeit diese Freiheit vorzuleben. Denn neben der Genauigkeit sind es eben auch die Freiheit des Singens und Sprechens einer Phrase wie auch die Freiheit des Phrasierens, die die Musik lebendig machen und lebendig halten – das versuche ich dem Orchester ebenso mitzuteilen wie meinen jungen Solisten.

Worauf legen Sie bei der Erziehung junger Orchestermusiker darüber hinaus Wert?
Ich packe jeden Musiker individuell an. Natürlich weist jeder eine andere Entwicklung und Persönlichkeit auf – und auf jede Persönlichkeit sollte Rücksicht genommen werden, denn auch in einem Orchester ist es wichtig, jede Persönlichkeit zu respektieren.

Ist dies Ihr grundsätzliches Verständnis von Ihrer Rolle als Dirigent?
Ja, das gilt genauso für sogenannte professionelle Orchester. Schließlich will ich ja von den Orchestern auch etwas, es ist ein Geben und Nehmen. Ich möchte keine graue Masse dirigieren, sondern eine Versammlung von Persönlichkeiten, die mir auch von ihrer Seite musikalische Ideen schenken, um diese dann in meine Interpretation – denn so weit ist die immer gefächert – aufzunehmen.

Neben dem Geburtstagsfest werden Sie auch das große Jubiläumskonzert am 15. August in Kiel dirigieren. Anders als ursprünglich geplant wird dort nun auch Festival-Gründer Justus Frantz mit dabei sein – freuen Sie sich auf die Begegnung?
Natürlich! Wir haben 20 Jahre nicht mehr zusammengespielt – und ich habe auch in meinen Gesprächen mit dem Intendanten Rolf Beck darauf bestanden, dass Justus Frantz bei diesem Jubiläum dabei ist, schließlich hat er das Festival gegründet. Dazu kommt, dass wir in Kiel mit Mozarts Doppelkonzert dasselbe Stück spielen werden, das wir damals zur Gründung musiziert haben, und darauf freue ich mich.

Das SHMF feiert zwar seinen 25. Geburtstag, doch gleichzeitig hat die Landesregierung angekündigt, die Zuschüsse bis 2012 um 500.000 Euro zu reduzieren, nachdem sie bereits in diesem Jahr die Festival-Rücklagen von 1,1 Millionen Euro einkassiert hat. Fehlt es bei Deutschlands Regierungspolitikern an Gespür für die Bedeutung von Kultur und Musik?
Das würde ich schon sagen. Ich finde es wirklich unmoralisch, immer zuerst bei der Kultur zu kürzen: Kultur gehört zur Moral des Menschen, und ich möchte davor warnen, dass dieses wunderbare Festival aufgrund ökonomischer Faktoren von seiner Position als erster Kulturträger des Landes Schleswig-Holstein verdrängt wird. Das wäre nicht nur schade, das wäre übel. Und ich möchte die Politiker in aller Freundlichkeit, aber auch in aller Strenge bitten, diese Kürzungen nicht vorzunehmen.

Nun hält sich die Aufregung über diese Pläne in Grenzen, gerade viele junge Menschen haben mit Klassik ohnehin kaum noch etwas am Hut, die hören eher Popmusik. Können Sie dieser Musik etwas abgewinnen?
Ich kann damit wenig anfangen, weil sie mir zu langweilig ist. Es geht immer um Tonika, Dominante und manchmal eine Subdominante – immer in der gleichen Lautstärke und mit einem gewissen Beat unterlegt, der eine rhythmische Flexibilität unmöglich macht. Denn Rhythmus heißt nicht nur Gleichschaltung eines rhythmischen Geschehens, sondern muss auch flexibel sein – und das langweilt mich einfach.

Was fasziniert junge Menschen an Pop-Musik?
Junge Menschen sind nicht von der Musik fasziniert, sondern von der Atmosphäre, die ihnen diese Musik als Hintergrundmusik in Clubs und Bars vermittelt oder eben auch als Tanzmusik – was ich übrigens noch am besten finde. Und in Popkonzerten hängt solch eine Atmosphäre natürlich auch immer mit der Lautstärke zusammen, die nicht im poetischen Sinne betörend ist, sondern einfach den Kopf verrammelt und einen Effekt hervorruft, der Geselligkeit simulieren soll, wenn viele gemeinsam „mitschreien“.



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Magazins Concerti - Das Hamburger Musikleben.
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