Fränkischer Tag

16. Februar 2011


"Popmusik ist ganz einfach schlecht"


Von Rudolf Görtler

Christoph Eschenbach, ein Dirigent von Weltgeltung und hervorragender Pianist, interpretiert mit den Bamberger Symphonikern Ludwig van Beethovens "Missa Solemnis". Im Gespräch mit unserer Zeitung äußert er sich auch über den Musikbetrieb und wie man junge Leute für klassische Musik gewinnen könnte.


Herr Eschenbach, Sie sind künstlerischer Leiter des National Symphony Orchestra in Washington seit vergangenem Herbst, Sie geben Konzerte auf der ganzen Welt - und jetzt wieder in Bamberg. Kommt Ihnen unser beschauliches Städtchen dagegen nicht etwas klein und provinziell vor?

Nein, überhaupt nicht. Es ist auf jeden Fall nicht klein hier in diesem wunderschönen Saal mit diesem wunderbaren Orchester. Die Stadt hat ja auch eine Bedeutung mit dem herrlichen Dom, mit dem ziemlich unversehrten Barock, da kann von Kleinheit keine Rede sein. Ich komme immer wahnsinnig gerne her.

Sie kennen die Symphoniker seit 1977. Hat sich das Orchester zu Ihrer Zufriedenheit entwickelt?
Ein Weltklasseorchester, das sich in der Welt zeigen kann und in der Welt auch zeigt.

Sie kennen den Musikbetrieb in vielen Ländern, vor allem auch den der USA. Welchem würden Sie den Vorzug geben: dem deutschen Subventionsbetrieb oder dem eher privatwirtschaftlichen der USA ...

... ganz privatwirtschaftlichen. Das hat Vorteile und Nachteile. Einer ist, dass sich die Politik ganz aus der Verantwortlichkeit zieht. Hier in den subventionierten Betrieben sind sie mit an der Verantwortung und der Last, auch der finanziellen, beteiligt. Hier in Deutschland ist es doch noch sehr gut bestellt. Es ist allerorten so, dass man dazu noch einen Freundeskreis bilden muss, der auch noch privat zusteuern muss, wenn es an Extradinge geht wie Tourneen und Aufnahmen, die immer teurer werden. Das ist hier ja auch so.

Sie würden also den deutschen Musikbetrieb dem amerikanischen vorziehen.
Wir leben mit dieser Kultur seit Hunderten von Jahren. Dieses von innen heraus Gewachsene, das wir alle haben - das hat jeder Bauer, das hat jeder hoch gestellte Angestellte -, wir haben das alle in uns. Deshalb sehe ich auch einen Vorteil im europäischen und ganz besonders auch deutschen Musikbetrieb.

Wobei natürlich auch bei uns immer gerne an der Kultur gespart wird.
Davor möchte ich auch warnen und Ausrufezeichen dagegensetzen. Warum an der Kultur? Kultur ist Moral und wir demoralisieren uns, wenn wir an der Kultur rumschneiden. Das wird jetzt viel gemacht und ich wende mich immer dagegen. Man hat gerade in Schleswig-Holstein und dem wunderbaren Festival sehr gekürzt. Gott sei Dank sind da Privatsponsoren. Man sollte stolz sein auf die Kultur und sie nicht beschneiden.

Sie haben sich mit besonderem Engagement auch immer um junge Musiker gekümmert. Um den Nachwuchs ist es in unserem Land gut bestellt?
Überall. Besonders in Asien. Was aus China und Korea kommt, ist fantastisch. Unglaubliche Begabungen. Nehmen wir China. Eine jahrtausendealte Kultur. Darauf ist eine Musik bewusst oder unbewusst gewachsen, die jetzt erst durch den westlichen Einfluss herauskommen kann in dem jetzt offenen China. Das ist ganz erstaunlich. Aber auch hier in Deutschland durch Stiftungen und Jugendorchester kommen ganz erstaunliche junge Leute heraus.

Sind die technischen Fertigkeiten der jungen Musiker besser geworden?
Ja, von Anfang an wird darauf geachtet, dass die Technik nur eine Voraussetzung ist, um sich musikalisch auszuleben, dass man da später nicht herumwurschteln muss.

Junge Leute, die auf hohem Niveau musizieren, gibt es sehr häufig in diversen Ländern, junge Leute sind dagegen in den Konzertsälen nicht sehr häufig anzutreffen. Kann das auch an der Omnipräsenz trivialster Musikformen liegen, die uns von überallher zudröhnen? Ist dagegen mit klassischer Musik, mit anspruchsvollerer Musik überhaupt noch anzukämpfen?
Ich hoffe und ich glaube das. Glaube, Liebe, Hoffnung ... Ich glaube, dass die jungen Leute sich auch in klassische Musik verlieben können, wenn sie nur richtig rangeführt werden. Leider Gottes geschieht das in den Schulen kaum mehr. Das ist ein großes Manko, überall. Ich glaube, dass junge Solisten oder Jugendorchester, dass solche Vereinigungen von jungen Leuten, die enthusiastisch und emphatisch Musik machen, junge Leute wiederum begeistern können. Ich glaube, da liegt ein Zugang, dass man die jungen Leute in den Konzertsaal bringen kann.

Es gibt ja im Jazz, in der elektronischen Musik, durchaus Verbindungen zur Neuen Musik. Verfolgen Sie das in Ihrem künstlerischen Schaffen?
Jazz und Popmusik muss man sehr trennen. Jazz ist eine hoch künstlerische Angelegenheit. Gershwin hat Ravel mit dem Jazz bekannt gemacht, und von dieser französischen Schule aus ist der Jazz auch nach Deutschland gekommen. Aber die Popmusik, die nur mit einer Dominante und Subdominante kommt und vielleicht einer Subdominante, wenn man Glück hat, das ist nicht gut. Das ist schlechte Musik - finde ich.

Sie interpretieren am Wochenende mit den Symphonikern Beethovens Missa Solemnis. Der Komponist rang im Schaffensprozess mit sich und seiner eigenen Religiosität. Das ist fast genau 200 Jahre her. Hat das Publikum in unserer heutigen säkularen Welt überhaupt noch einen Zugang zu solch einer Messe?
O ja. Ich habe heute zum Orchester zur Begrüßung gesagt: Wir machen ein gewaltiges Stück, ein kompromissloses Stück im höchsten Sinne, in seiner Art ein einmaliges Stück, ein undogmatisches Stück. Beethoven hat sich nie um Dogma gekümmert und wollte auch nichts wissen vom kirchlichen Dogma, wie es routinemäßig am Sonntag zelebriert wird. Er hat den Messetext genommen und ihn so ausgedeutet, dass er übers Credo zum Beispiel sagt: Ich glaube, Gott, an dich, und du hast mich nie verlassen. Und er spricht direkt zu Gott und nicht übers Dogma. Deswegen ist das Stück auch so kühn, auch in der Textausdeutung. In der Kriegsszene Dona nobis pacem setzt die Pauke ein Kriegsgetrommel an, und die Solistinnen klagen Agnus, Agnus Dei und Miserere, Miserere, und dann beruhigt sich die Sache wieder und am Schluss kommt diese unglaubliche Szene, wo der Chor ganz leise und eigentlich scheu singt Pacem, Pacem und die Kriegstrommel zerstiebt. Dann können die letzten Takte wieder aufblühen zu einem gebetsmäßigen dona nobis pacem. Das ist eine sehr moderne Sicht. Das ganze Stück ist etwas sehr aufregend Neues.

Werden Sie es auch aufregend neu dirigieren?
Das hoffe ich.

Sie hören in der Vorbereitung keine früheren Aufnahmen zum Vergleich?
Nein. Ich bin der Meinung, wir Dirigenten sollten, auch wenn es lange dauert, die Stücke so lange hinterfragen und schauen, was hinter den Noten steckt, dass wir selbst dazu kommen. Ich habe die Missa solemnis nur zweimal gehört.

Also eine eigenständige Interpretation.
Ja, das verlange ich auch von jedem.

Beethoven hatte große Sympathien für die Französische Revolution ...
Er war schon ein ungestümer Mann.

Ein Wesensverwandter?
Es ist ja etwas Wunderbares für uns Musiker, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, uns in Gemüts- und Seelenzustände hineinzusteigern und sie dann auszudrücken. Wir müssen dazu nur innerlich frei sein.

Sie geben am Sonntag noch ein Kammerkonzert, das naturgemäß auch Übung und Vorbereitung erfordert. In einigen Tagen werden Sie 71 Jahre alt. Wie schaffen Sie die Belastungen nach einem erstaunlichen Lebenswerk?
Ich glaube, man hält sich jung, wenn man immer wieder neugierig ist, immer wieder neue Sachen zu entdecken und diese Möglichkeiten wahrzunehmen. Das ist gut für die Hirndurchblutung.



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