Kiel Nachrichten

August 31, 2015


Der Geist des Miteinanders


Oliver Stenzel

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SHMF-ABSCHLUSSKONZERT


Der Geist des Miteinanders


Als man in Lübeck entschied, das 30. Schleswig-Holstein Musik Festival mit einer Totenmesse ausklingen zu lassen, gab es dafür keinen konkreten Anlass. Schließlich war das Festival ein voller Erfolg. Doch einen aktuellen symbolischen Gehalt hatte es doch.

Von Oliver Stenzel 

Artikel veröffentlicht: Montag, 31.08.2015 17:56 Uhr

Artikel aktualisiert: Montag, 31.08.2015 18:31 Uhr

Große Besetzung in der Sparkassen-Arena: Christoph Eschenbach mit dem Schleswig-Holstein Festival Chor, das NDR-Orchester mit seinen jungen Akademisten sowie den Solisten Erin Wall, Sonia Ganassi, Piotr Beczała und René Pape.


Kiel. Am Sonntag leitet Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) in der gut besuchten Sparkassen-Arena aus Giuseppe Verdis Messa da Requiem einen Aufruf zur Barmherzigkeit gegenüber den ins Land strömenden Flüchtlingen ab und schlägt den Bogen vom familiären Charakter des Festivals zur Menschheitsfamilie an sich. Und Christoph Eschenbach richtet den 4000 Gästen über den Festivalintendanten Christian Kuhnt aus, dass er die Aufführung des Requiems den Todesopfern der aktuellen Flüchtlingskatastrophe widmet.

Vom Geist des Miteinanders auf der Bühne wäre man auch ohne solche spontanen Bezugnahmen berührt. Eschenbach lässt die Musik ganz aus der Stille entstehen, so dass die XXL-Dimension des Projekts in den ersten Minuten noch unhörbar bleibt. Doch als das NDR Sinfonie- und Jugendorchester dann mit den Sängern des Schleswig-Holstein Festival Chors gemeinsam Lamentations- und Opernton des Werkes mit Brio mischt, offenbart das Abschlusskonzert umgehend sein ganzes Breitwandformat. Die neue Chorakademie des Festivals hat unter der Leitung von Nicolas Fink erneut ganze Probenarbeit geleistet. Ihr ebenso leidenschaftlicher wie hellwacher Einsatz über die gesamte Dauer der Aufführung ist ein Sängerfest für sich. Es ist schon erstaunlich, wie die chorerfahrenen Laien aus dem ganzen Land hier die furiose Dramaturgie des Dies irae meistern.

Auf allen Ebenen durchmischt und konzentriert

Die Idee, mittels der Durchmischung des NDR Sinfonieorchesters mit den jungen Angehörige der Akademie des NDR auch auf der Orchesterebene Semiprofessionalität zu erzeugen, erweist sich im Ergebnis als überaus zweckdienlich. So entsteht hier ein runder Großklang ohne extreme Asymmetrien und außerdem frischt das Jugendsinfonieorchester den Sound seines großen Paten hörbar auf. Und wer könnte eine solche Zusammenführung souverän meistern, wenn nicht ein in Sachen Nachwuchsarbeit so beschlagener Maestro wie Christoph Eschenbach? Natürlich schlagen dabei die Chor- und Orchesterwellen auch einmal kräftig ineinander, natürlich gibt es dabei mitunter Musikverluste auf beiden Seiten zu beklagen. Aber gerade die volltönendsten Stellen des Requiems, wo dies öfter geschieht, halten das am besten aus. Und in seinen sanften Passagen geht es auf allen Ebenen beeindruckend konzentriert zu.

Dass der Glamourfaktor in dem charaktervollen Projekt nicht zu kurz kommt, dafür sorgt die superb besetzte Solistenriege. Die dunkel schillernden Mezzofluten, die Sonia Ganassi durch die Arena strömen lässt, faszinieren dabei ebenso wie die interpretatorische Inbrunst der Sängerin. Mit wunderbar fest definiertem Stimmkern und sehr textorientierter Lesart gestaltet an ihrer Seite Bass René Pape seinen Solopart und steht dabei in einem schönen Stimmkontrast zu Piotr Beczałas samtenen Tenor. All dies lässt immer wieder staunen. Wie aber schließlich Erin Walls überirdisch schön strahlender Sopran im Libera me seinen ganzen Reichtum entfaltet und sich dabei aufs Schönste mit dem Chorklang mischt, dürfte zu den Momenten des diesjährigen Festivals zählen, die man so schnell nicht wieder vergisst. Großer Applaus für die ganze Familie.





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