Peter Krause

August 31, 2015


Abschied mit Totenmesse


Peter Krause

Abschied mit Totenmesse

Verdis Requiem belebt zum Ausklang des erfolgreichen Schleswig-Holstein Musik Festivals die Kieler Sparkassen-Arena


PETER KRAUSE 

Am Anfang war die Ruhe. 

Christoph Eschenbach versteht sich gleich einem buddhistischen Zeremonienmeister auf die Voraussetzung einer jeden relevanten musikalischen Äußerung. Nach dem Verstummen des epochalen rumänischen Meisters der ganz tief in die Musik hineinhörenden Langsamkeit und Stille, des epochalen Sergiu Celibidache, durfte man Verdis zwischen himmlischer Intimität und höllischer Gigantomanie scheinbar unvermittelt schwankende « Messa da Requiem » kaum je mit solchem Mut zum Pianissimo hören.

Um unsere Ohren auf das vom Chor gleichsam geflüsterte « Requiem aeternam dona eis » sogleich adäquat einzustellen, wartet Eschenbach zu Beginn des Abschlusskonzerts des Schleswig-Holstein Musik Festivals mindestens eine kleine Ewigkeit. Er will die absolute Konzentration, die Fokussierung auf das Wesentliche, das gemeinsame Sicheinlassen auf diese bewegende Kunst - all dies ausgerechnet in der Kieler Sparkassen-Arena. Die Halle beschert zwar den THW-Bundesligisten immer wieder glorreiche Handball-Heimsiege und ist damit Kulisse für die erfolgreichste Mannschaft ihrer Art in Deutschland. Doch Akustik und Stimmung für eine der größten Totenmessen der Musikgeschichte bietet der Saal von sich aus so gar nicht.

Es muss ja überhaupt keine Kirche sein, um all den erschütternden Großartigkeiten dieses Requiems zur ganzen Klangwirklichkeit zu verhelfen: Wie sein Jahrgangsgenosse Richard Wagner fremdelte auch Giuseppe Verdi heftigst mit dem klerikalen Regime seiner Zeit. Wenn er im Requiem von Erlösung singen lässt, ist seine Botschaft gerade wie bei seinem deutschen Kollegen so viel politischer, als dies den machtversessenen Vertretern einer katholischen Staatsreligion seinerzeit recht sein durfte. Erlösung will bei ihm immer auch Befreiung von den Fesseln des Kirchenstaats und der Bevormundung denkender Menschen sein. Doch gerade diese Zwischentöne bedürfen nun eben auch des rechten

Raumes zur Entfaltung.

Eschenbachs raumgreifende Autorität also musste hier sowohl die Chor- und Orchesterhundertschaften auf der Bühne als auch die dem Ereignis lauschenden viertausend Vertreter der Festivalfamilie auf den unendlichen Weiten der Arenatribünen einstellen auf das zu Erlebende - und dazu noch

den Widrigkeiten des Raumes trotzen. Wenn es eines Beispiels bedarf, dass der Geist die Materie überwinden, ein genialischer kahler Künstlerkopf die brutale Starrheit von Stahl und Beton knacken kann - dann war es dieses Konzert.

Zwar verfehlte die Furcht einflößende Fortissimo-Wucht des « Dies irae » mit ihrem musikalischen Aufflammen des Höllenfeuers gerade hier ihre theatralische Wirkung mitnichten. Die schaurige Sequenz eines strafenden Gottes, von Roms Kirche erst als Folge ihres jüngsten Konzils aus der Liturgie entfernt, erhielt als Kontrastfolie zu Eschenbachs Sublimierung all des dramatischen Bluts der Partitur sogar eine unerwartete weltliche Aktualität. Der Maestro widmete die Aufführung den namenlosen Flüchtlingen der Gegenwart. Ministerpräsident Torsten Albig verband Verdis Botschaft in einer Ansprache seinerseits mit dem Aufruf zu Empathie und Barmherzigkeit. Der « Dies irae », der Tag des Zorns, der Rache und der Sünden, wurde im Konzert dann unverhofft von der fernen Apokalypse ins reale irdische Jammertal gespiegelt. Um hernach umso deutlicher mit dem insistierenden, sich intensivierenden Bitten um Erlösung auf das Zärtlichste hinweggesungen zu werden. Nicht mit dem Pomp der Heilsgewissheit freilich, sondern mit dem Pianissimo des Hoffens.

Anwälte dieser positiven Überwältigung waren der herrlich homogene Schleswig-Holstein Festival Chor in der Einstudierung des Schweizer Dirigenten Nicolas Fink sowie das durch das NDR Jugendsinfonieorchester mit einer ganz eigenen Frische verstärkte NDR Sinfonieorchester. Ein solistisches Weltklassequartett aus dem Reich der Oper balancierte das religiöse Drama zudem vollendet zwischen seinen Extremen von Affekt und Verinnerlichung aus. Während die kanadische Sopranistin Erin Wall ihre lupenrein blühende Engels-stimme ganz aus Atem und Musik heraus in den Dienst des « Libera Me » - Flehens stellte, schöpfte die italienische Mezzosopranistin Sonia Ganassi mit beißenden Konsonanten, düsterer Färbung und erschütternder Rollenidentifikation aus dem reichen wie heftigen Gefühlsfundus ihrer Opernpartien. Auch der aristokratische Tenorschmelz von Piotr Beczala und die klug zurückgenommene Basspracht des René Pape dienten ganz Eschenbachs Konzept der Verfeinerung im Arenaformat.

Das berührende Finale krönte ein Festival, das mit 154.000 Besuchern 88 Prozent Platzausnutzung und, so Torsten Albig, « 100 Prozent der Herzen voll des Glücks » erreichte. Nach Peter Tschaikowsky im ausklingenden Sommer stellt Festivalintendant Christian Kuhnt vom 2. Juli bis zum 28. August 2016 Joseph Haydn in den Mittelpunkt einer weiteren facettenreichen Komponistenretrospektive.




Copyright © Peter Krause